Wie Irma Kreutzfeldt einen Ort zum Ankommen schuf
Wer auf Usedom Fisch essen möchte, fährt meist dorthin, wo das Meer am nächsten ist. Zum Nepperminer Fischpalast führt der Weg in die andere Richtung: ans Achterwasser, an den Nepperminer See. Hier liegt das Restaurant nur wenige Schritte vom Wasser entfernt. Auf der Terrasse lässt sich der Blick über den See genießen, während in der offenen Küche das Essen zubereitet wird. Es ist ein Ort, an dem man gut länger sitzen bleibt, als man ursprünglich vorhatte. Und seine Geschichte beginnt ausgerechnet mit Brieftauben.

Hinter dem Fischpalast steht Irma Kreutzfeldt. Gemeinsam mit ihrem Mann Uwe war sie über viele Jahre in einer Welt zu Hause, die weit über Deutschland hinausreicht. Das Paar organisierte den Internationalen Tauben-Markt Kassel, knüpfte Kontakte zu Züchtern und Geschäftsleuten in Europa, Übersee und Asien und reiste für den Taubensport um die Welt. Was für Außenstehende nach einem ungewöhnlichen Hobby klingt, war für beide Beruf, Leidenschaft und Lebensmittelpunkt zugleich. Uwe Kreutzfeldt hatte den Markt gegründet; Irma brachte ihre langjährige Erfahrung in der internationalen Messeorganisation ein. Sie entwickelten die Veranstaltung gemeinsam weiter.
Man kann sich vorstellen, wie wenig diese Arbeit mit dem beschaulichen Bild vom Taubenzüchter im Garten gemein hatte. Veranstaltungen mussten geplant, Aussteller betreut und Kontakte über Ländergrenzen hinweg gepflegt werden. Die Fachwelt war international vernetzt, und die Kreutzfeldts waren mittendrin. Sie kannten die großen Treffen, die weiten Reisen und die Gespräche, die oft erst nach dem offiziellen Programm richtig begannen. Gerade deshalb wirkt Neppermin zunächst wie ein Gegenentwurf: ein kleiner Ort am Wasser, fern vom Trubel der Messehallen in Deutschland aber auch in Übersee.
Doch so einfach ist es nicht. Der Fischpalast erzählt vielmehr von einem zweiten Wunsch, den die Familie Kreutzfeldt, die durch den Taubensport auch mehrfach auf Usedom waren und die Insel schätzen und lieben lernten, neben der Arbeit im Taubensport verwirklichte. Ein Restaurant an diesem Ufer zu schaffen, bedeutete, einen Ort nach eigenen Vorstellungen zu gestalten: mit Fisch im Mittelpunkt, einer offenen Küche und Platz für Gäste, die die Lage am See ebenso schätzen wie das Essen.
Dieser Traum hat eine bemerkenswerte Adresse. Neppermin liegt auf einer Seite Usedoms, die im Schatten der bekannten Seebäder leicht übersehen wird. Hier bestimmen der See, das Ufer und das wechselnde Licht den Aufenthalt. Wer von der Insel vor allem breite Strände und Seebrücken kennt, entdeckt einen anderen Rhythmus. Man kommt vielleicht wegen des Essens und merkt erst beim Sitzen, wie sehr die Umgebung zum Besuch gehört. Der Fischpalast nutzt diese Lage, ohne sie in den Hintergrund zu drängen: Von der beheizten Terrasse aus gehört der Blick aufs Wasser dann ganz selbstverständlich dazu.
Auch drinnen soll der Gast sehen können, was geschieht. Die Küche ist offen; die Zubereitung bleibt kein Vorgang hinter verschlossenen Türen. Auf der Speisekarte stehen regionale und mediterrane Fischgerichte. Fischbrötchen gehören ebenso zum Angebot wie ein Essen, für das man sich Zeit nimmt. Das Konzept ist unkompliziert: direkt an der Theke bestellen, den Köchen , wenn man möchte, bei der Arbeit zusehen, Platz nehmen und genießen. Gerade diese Mischung passt nach Neppermin.
Wer die Geschichte kennt, sieht jedoch mehr: die Arbeit eines Paares, das sich international einen Namen machte, und den Entschluss einer Frau, hier nach dem Tod ihres Mannes dennoch etwas Eigenes aufzubauen und weiterzuführen. Der Fischpalast ist dadurch mehr als eine schöne Adresse im Usedomer Achterland. Er ist ein Ort mit einer Vergangenheit, die man ihm auf den ersten Blick kaum ansehen würde.
Text: Stephan Trutschler
Fotos Stephan Trutschler



