
Ein Besuch der bevölkerungsreichsten Stadt des Erzgebirges, Annaberg-Buchholz, lohnt sich zu jeder Jahreszeit und für die verschiedensten Interessen – ob Bergbaugeschichte, Architektur, Handwerk, Kirchengeschichte, Theater, Kunsthandwerk oder Landschaft zum Wandern und Erholen.
Annaberg-Buchholz und seine Theater
Die große Kreisstadt mit ihren knapp 19.000 Einwohnern mag auf den ersten Blick wie jede andere mittelgroße Stadt im ländlichen Raum erscheinen. Doch bei näherer Betrachtung lohnt sich ein Besuch, und aus einem Aufenthalt werden schnell mehrere. Unser Grund für regelmäßige Besuche ist das Eduard-von-Winterstein-Theater. Das Zweispartenhaus mit seinem hervorragenden Ensemble bringt seit Jahren ein interessantes Programm im Schauspiel- und Musiktheaterbereich auf die Bühne. Immer wieder finden wir neben den Klassikern auch Besonderheiten: Raritäten, die anderswo kaum gespielt werden, oder Eigenproduktionen, wie das Sommerstück des letzten Jahres „Die Olsenbande fährt ins Erzgebirge“, das im Sommer 2026 ins Naturtheater Greifensteine zurückkehren wird. Diese Open-Air-Bühne mit 1.200 Sitzplätzen inmitten einer wundervollen Kulisse aus Wald und Sandsteinfelsen wird seit 1952 vom Annaberger Ensemble bespielt. Auch kleine Produktionen und Ideen finden hier im Theater Resonanz – ganz besonders gelungen fanden wir beispielsweise die Puppeninszenierung des Operettenklassikers „Der Vetter aus Dingsda“ als Solo-Show mit Puppentheater.

Eine Stadt aus zwei Geschichten
Für diese Theater-Schmankerl kommen wir immer wieder in die Stadt und bleiben etwas länger, um die Stadt zu entdecken. Die beiden Hauptkirchen der zwei Stadtteile Annaberg und Buchholz thronen auf den Bergen über der Stadt und wirken zumindest für die heutige Größe der Stadt ungewöhnlich imposant und mächtig. Das wiederum liegt in der Stadtgeschichte begründet. Bis 1949 waren es zwei Städte, beide Ende des 15. Jahrhunderts links und rechts des Flüsschens Sehma gegründet und reich geworden durch den Silberbergbau, sodass Annaberg im 16. Jahrhundert nach Freiberg die zweitgrößte Stadt Sachsens war. Noch heute zeugen zahlreiche Stollen und Besucherbergwerke von diesem Erbe. Für das Seelenheil aller vom Bergbau angelockten Siedler und um den Reichtum der Stadt darzustellen, baute man in beiden Städten gleich Anfang des 16. Jahrhunderts große Kirchen. Während die Buchholzer Katharinenkirche erst im 19. Jahrhundert vollendet und im 2. Weltkrieg der komplette Innenraum zerstört wurde, überstand die Annenkirche in Annaberg die Jahrhunderte nahezu unbeschadet und kann noch heute in ihrer ursprünglichen Pracht bewundert werden.
Gebaut als katholische Kirche und 1539 im Zuge der Reformation evangelisch-lutherisch geweiht, zeigt sie im Inneren eine ungewöhnlich reiche Ausstattung. Kernstück beider Kirchen sind die Flügelaltäre von Hans Hesse aus den Jahren 1515 beziehungsweise 1521, die detailliert das Leben der Bergleute abbilden und somit ein wichtiges historisches Dokument zum Bergbau darstellen. Zusätzlich zu diesen beiden Hauptkirchen gibt es im Annaberger Stadtteil in der Nähe des Marktes noch die Bergkirche St. Marien, die einzige bergmännische Sonderkirche in Sachsen, gebaut Anfang des 16. Jahrhunderts von Bergleuten für Bergleute. Auch wenn sie mehrfach bei Stadtbränden beschädigt wurde und heute ein eher schlichtes barockes Erscheinungsbild hat, lohnt sich ein Besuch der kleinen Kapelle nicht nur wegen der bergmännischen Weihnachtskrippe.



Wer sich eher für den Bergbau und die Region interessiert, ist im Erzgebirgsmuseum an der richtigen Adresse. Direkt unter dem Museum verlaufen Stollen, die 1992 bei Bauarbeiten entdeckt wurden. Unter Anleitung eines Bergführers kann man einen Teil der Stollen begehen und sowohl alte Anlagen aus der Zeit des Silberbergbaus entdecken als auch die Hinterlassenschaften des Uranbergbaus der Wismut im 20. Jahrhundert. Das Museum selbst zeigt neben einer kleinen Mineraliensammlung vor allem Exponate zur Geschichte der Region, die nicht nur den Bergbau, sondern auch eine reiche handwerkliche Tradition vorzuweisen hat, angefangen bei Spitzenklöppelei über Posamentenherstellung bis hin zur erzgebirgischen Schnitzkunst.
Wer zu letzterer noch mehr erfahren möchte, begibt sich am besten in die „Manufaktur der Träume“. Das 2010 eröffnete Museum zeigt Exponate der Privatsammlung von Erika Pohl-Ströher, die als bedeutendste und umfangreichste Privatsammlung erzgebirgischer Volkskunst in Deutschland gilt. Neben einem chronologischen und thematischen Abriss zur kompletten Produktion erzgebirgischer Schnitzkunst vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart kommt hier auch der Erlebnisfaktor nicht zu kurz. Bei der Einrichtung des Hauses legte man viel Wert auf Interaktivität und sinnliches Erleben. Absolutes Highlight und krönender Abschluss des Rundgangs ist die Inszenierung beleuchteter Objekte im Dachgeschoss – unglaublich beeindruckend!

Doch dies ist noch längst nicht alles, was die Stadt zu bieten hat. Neben einer lebendigen Fußgängerzone mit zahlreichen Boutiquen, Cafés und Restaurants gibt es noch weitere Museen, eines davon ist dem Rechenmeister Adam Ries gewidmet, der in Annaberg wirkte. Zahlreiche historische Bauten können bei einem Bummel durch die Altstadt entdeckt werden. Und nicht zuletzt die umliegende Landschaft des Erzgebirges, die Dörfer und kleinen Städte, die malerisch in der bergigen Landschaft verteilt sind und besonders im Winter mit Schwibbögen und Pyramiden in jedem Fenster und auf jedem Marktplatz die dunkle Jahreszeit erleuchten, sind einfach immer wieder eine Reise wert.
Text / Fotos: Sabine Ulbrich

