
„Wir sind am Leben“ – das neueste Stück des Erfolgsduos Peter Plathe und Ulf Leo Sommer im Berliner Stage-Theater des Westens überzeugt mit bekannten Melodien, ungewöhnlichen Themen und großartiger Besetzung.
Nach dem Erfolg der Romeo-und-Julia-Adaption „Liebe ist alles“ lag die Messlatte für das neueste Werk des Autorenduos sehr hoch. Wie beim vorherigen Stück greifen die Macher auf vorhandene Songs zurück und so kommen Fans von Rosenstolz hier voll auf ihre Kosten. Doch es wurde auch vieles neu komponiert, was dem Stück am Ende gerechter wird, als bei vielen der sogenannten Karaoke-Musicals, bei denen der Inhalt teils mit dem Holzhammer an die Songtitel angepasst wird.
Inhaltlich greifen die Autoren diesmal nicht auf eine althergebrachte Vorlage zurück, sondern erzählen ein Stück ihrer persönlichen Geschichte, ein Stück deutscher Geschichte. Wir befinden uns in Berlin im Jahr 1990, kurz nach dem Mauerfall. Doch es geht weniger um die historischen Ereignisse oder berühmte Personen der Zeit. Es geht um Nina, eine junge Frau aus Lutherstadt Wittenberg, die im Kofferraum eines PKWs aus der DDR und von zu Hause abgehauen ist, um sich in Berlin ihren großen Traum von der Musikkarriere zu erfüllen. Und es geht um die Menschen in ihrem Umfeld – der Hausbesetzerszene. Sie kommen aus Ost und West, sind auf der Suche nach einer neuen Chance, nach alternativen Lebenswegen oder einer Möglichkeit, fernab gesellschaftlicher Normen sie selbst zu sein. Das Haus, welches sie gemeinsam bewohnen, war früher ein Konsum. Und dort gab es ein Telefon, bei dem die Menschen anriefen, wenn sie Sorgen und Nöte hatten. Das tun sie noch immer, also haben sich die Hausbesetzer der Anrufer angenommen und erhalten mit viel Herzblut das „Konsum-Sorgentelefon“ am Leben.
Wir sind am Leben – und alle an unterschiedlichen Lebensabschnitten
Und das, obwohl sie alle eigene Sorgen haben. Mancher Karriereerfolg bleibt aus oder stellt sich nur mit Hilfe zwielichtiger Gestalten ein, wie im Fall von Nina ein Musikproduzent, der sicher nicht ganz zufällig an Frank Farian erinnert. Andere sind gar völlig planlos, was sie mit ihrem Leben und den neuen Freiheiten anfangen sollen. Viele Mitglieder dieser Gemeinschaft sind homosexuell und unter ihnen war damals vor allem ein Thema allgegenwärtig und doch ein großes Tabu. Das HI-Virus und die damals noch fast unweigerlich folgende AIDS-Erkrankung, die damit verbundene Stigmatisierung der gesamten homosexuellen Gemeinschaft und Themen wie Verlust und Tod beschäftigen auch die kleine Hausbesetzergemeinschaft. Und als dann auch noch Ninas Mutter nach Berlin kommt, überschlagen sich die Ereignisse und nehmen einen ganz eigenen, unvorhergesehenen Lauf.

Der Cast und die Musik tragen das Stück
Getragen wird das Stück von einem wirklich hervorragenden Cast, stimmlich und von der Bühnenpräsenz perfekt für die Rollen ausgewählt. Und natürlich von der Musik, die die Gefühle manchmal verträumt, manchmal aber auch schmerzhaft direkt in die Herzen der Zuschauer überträgt. Überwältigend intensiv ist das Spiel von Mathias Reiser in der Rolle des Bruno Schwarz, der nachts als Marlene Dietrich in den Nachtclubs von Berlin auftritt. Und Steffi Irmen beziehungweise alternierend Maike Katrin Merkel als Rosi sind einfach eine Naturgewalt, der sich niemand entziehen kann.
Zugegeben, die Mehrheit des Publikums wird sich mit den Figuren und ihren Problemen nicht direkt identifizieren können. Wer die Zeit nicht erlebt hat und keinen Bezug zu diesen – aus damaliger Sicht – Randgruppen der Gesellschaft hatte, wird anfangs sicher etwas überrascht sein, denn dies ist kein klassisches Stück über die Wende und die Zeit danach, über „Ossis“ und „Wessis“. Vielmehr wird hier eine Botschaft verkündet, die wichtiger und aktueller nicht sein könnte: egal wo ihr herkommt, egal wo ihr hinwollt, wer ihr seid und wen ihr liebt – haltet zusammen, seid füreinander da und feiert gemeinsam jeden einzelnen Tag, den ihr erleben dürft. Und so ist das Stück vor allem eine Geschichte über das Leben, darüber es zu leben, es wertzuschätzen und alle Menschen darin, die da sind und wider aller Umstände da bleiben.
Text: Sabine Ulbrich
Fotos: Dominic Ernst / Jörn Hartmann
Mehr Infos zum Stück unter: www.stage-entertainment.de/musicals-shows/wir-sind-am-leben-berlin

